WG Ratgeber: Zusammenziehen

…oder: drum prüfe, was zusammenzieht

Liebenswerte Wohngemeinschaften fallen nicht einfach so vom Himmel. Meistens warten sie seit der Gründung auch nicht extra auf Dich und reservieren Dir ein Zimmer. Das Hauptmerkmal einer WG ist häufig das Kommen und Gehen einzelner Mitbewohner.

Doch zunächst eine Anekdote von mir: Zu Beginn meines Studiums in Leipzig schaute ich mir auch diverse Wohngemeinschaften an. In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich mir, dass man so Geld sparen und gleichzeitig neue Leute kennenlernen könnte. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Hurray. In meinem Kopf war der Masterplan makellos. Bereits nach dem zweiten Besichtigungstermin in bereits bestehenden Wohngemeinschaften wurde ich jedoch rasant auf den Boden der nackten Tatsachen geholt:

Laut Inserat handelte es sich um eine 3er WG mit einem Lehramtsstudenten  
(Englisch und Geschichte) um die 30 Jahre sowie einer Azubine. Soweit, so gut. Die Wohnung wurde mir von einem verlebt aussehenden Typen gezeigt, der sich als der Lehramtsstudent ausgab. Während er mir Details der Räumlichkeiten schilderte, schwor ich mir, dass meine Kinder niemals bei so einem Wesen Unterricht haben sollen. NIE! Das Highlight der Wohnung war das für mich gedachte Zimmer – bereits möbliert. Das Bett im ramontischen Stil à la Puff Deluxe mit Spiegel am Kopfende füllte den Raum fast vollständig aus. Daneben stand ein langer, sperriger Schrank – ebenfalls mit Spiegel. Der Lehramtsfutzi grinste neben mir äußerst dreckig und meinte, ich könne das so übernehmen, koste auch nix extra. Was für ein Angebot! Im Bad hing über die Wanne verteilt die Wäsche. Meine Frage, wie man da dann ohne Behinderung duscht, wurde mit “wir duschen nur einmal die Woche” abgewürgt. Hurray! Nicht. Nach diesem Schock überzeugte ich meine Eltern davon, mir dann doch lieber ein Wohnklo am Rande der Stadt zu finanzieren, auch wenn ich als Webcamgirl in diesem bestens ausgestatteten Zimmer vielleicht sehr erfolgreich geworden wäre…

Was kannst Du daraus lernen? Schau Dir die Leute genau an bei Besichtigungsterminen. Sowie Du sofort ein ungutes Gefühl in der Magen-Darm-Gegend hast, sollte dein Motto lauten: LAAAAAAAAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUF!!!!!!!!

Die Auswahl der Mitbewohner sollte stets gut überlegt werden. Es geht hierbei um Menschen, die Du wahrscheinlich tagtäglich siehst, Du teilst dir den Thron und Nasszellen mit ihnen und wirst über kurz oder lang ein Teil deren Leben – auch wenn Du in so mancher Lebenssituation vielleicht gar nicht so intim teilnehmen möchtest. Solche Dinge müssen Dir bewusst sein, wenn Du dich für das Abenteuer Wohngemeinschaft entscheidest.

Für die eigene Suche gibt es dank des Internets diverse Möglichkeiten, ein neues Zuhause zu finden. Wichtig ist jedoch, dass man sich von vornherein klar macht, was man möchte – und was man zahlen kann. Checklisten sind dabei super und das Abhaken einzelner Punkte macht so manchen ja auch unheimlich viel Spaß, weil man denken kann, dass man etwas Großes geschafft hat.

Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass eine WG nicht zwingend die gleichen paradiesischen Zustände wie das familiäre Nest der letzten Jahre bietet. Kompromissbereitschaft ist an dieser Stelle ein gutes Stichwort, das sicher noch häufiger fallen wird. Wer viel erwartet, kann bitter enttäuscht werden und andersherum. Schimmelfreie Zimmer sollten ein Muss sein, jedoch kann man nicht überall Highspeedinternet, einen immer gefüllten Kühlschrank und Whirlpool erwarten.

So sollte ein Besichtigungstermin Pflicht sein. Zum einen lernst Du dabei die Leute kennen, zum anderen dient es aber auch dazu, das Zimmerangebot zu überprüfen. An dieser Stelle möchte ich erneut auf meine Erfahrungen zurückgreifen:

Erstens: Menschen können sich sehr gut verstellen. Aus dem netten jungen Mann, der zwar ein wenig verpeilt, aber dennoch sympathisch wirkt, kann sich eine wahre Wunderblume des Lebens entwickeln, der Pflanzen mehr als Tiere liebt, aber generell mit der Umwelt nicht klar kommt. Andererseits können Mitbewohner durch ein gemeinsames Leben aber auch wahrlich aus sich herauskommen und sich zu treuen Seelen im eigenen Freundeskreis entwickeln.
Zweitens: Ein Casting für neue Mitbewohner ist für beide Seiten anstrengend. Zum einen scheinen viele Freaks total auf Wohngemeinschaften abzufahren, zum anderen ist die Auswahl als Gemeinschaft sehr schwer, wer denn nun ‘passen’ könnte. Da ist der wirtschaftliche Druck, dass das Zimmer neu besetzt werden muss- koste es, was es wolle. Aber auch Kandidaten scheinen oft derart unter Strom zu stehen, dass sie nicht sie selbst sind – das böse Erwachen ist da vorprogrammiert. Darum: nehmt Euch alle Zeit! Lernt Euch kennen, kocht gemeinsam, geht gemeinsam weg. Das hilft ungemein und kann vor übereilten Entscheidungen schützen!

Wenn sowohl die Chemie zwischen den bereits dort wohnenden Leuten als auch die Wohnung stimmt, dann herzlichen Glückwunsch, dann hast Du möglicherweise einen Glücksgriff getätigt. Ansonsten weitersuchen – oder in der Not alleine bleiben und eine Katze zulegen.

PS: Ein letzter Tipp in diesen Beitrag: Sollte der Vermieter die Möglichkeit bieten, dass Du und deine Mitbewohner jeweils einzelne Mietverträge bekommen, dann nutze die Chance. Sollte dann nämlich der Fall eintreten, dass Mietrückstände auftreten, dann haftest Du nur für deinen eigenen Anteil. Es erspart einiges an finanziellen Ärger. Nicht jeder Vermieter macht das mit, weil es für ihn zusätzliche Verwaltungsarbeit darstellt, aber eine Nachfrage kostet ja meistens nichts.

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