Life on Mars – Gefangen in den 70ern

Manchester, England. Gegenwart. Der Polizist Sam Tyler wird im Dienst von einem Auto angefahren. Er verliert das Bewusstsein und als er wieder aufwacht, ist er plötzlich im Jahr 1973. Auch hier arbeitet er erneut als Polizist, jedoch besteht das Team um ihn aus Chaoten und einem stetig nörgelnden Detective Chief Inspector Gene Hunt, der das Abbild eines grantigen Polizisten ist. Polizeiarbeit, wie Sam sie kennt, gab es 1973 nicht. Hier zählen Instinkte. Oder so. Seine Methoden werden müde belächelt.

Tyler lässt sich jedoch nicht unterkriegen und löst trotz trägem Team und fehlender Technik zahlreiche Fälle. Dies beäugen seine Kollegen ziemlich argwöhnisch, doch so nach und nach erarbeitet Sam sich den Respekt, den er verdient.

Es ist nicht eindeutig, ob Tyler sich wirklich im Jahr 1973 befindet oder einfach nur durch seinen schlimmen Unfall im Koma liegt und ziemlich authentische Illusionen hat. Bereits in der ersten Staffel treffen Sam immer wieder Erinnerungsblitze. Was es damit auf sich hat, wird erst in der zweiten Staffel geklärt. Hier erwartet Sam auch ein mysteriöser Anrufer, der ihn regelmäßig kontaktiert. Während Tylers Team 1973 in einer Undercover-Aktion sitzt, erwacht Tyler aus dem Koma.

Life on Mars ist gewiss keine bekannte Serie, aber sie erhielt 2006 den International Emmy Award in der Kategorie Beste Drama-Serie. Das Grundgerüst der Serie ist sicher auch etwas verrückt. Trotzdem sind die einzelnen Episoden bestimmt etwas für Krimifans.

Die Amerikaner übernamen das Serienkonzept für Life on Mars. Hier sah ich die ersten zwei Folgen und kann nur eins sagen: was für ein Schrott. Ich verstehe  beim besten Willen nicht, wie man eine englischsprachige Serie für den amerikanischen Markt neudrehen kann. Wahrscheinlich um das eigene Volk geografisch noch mehr zu verdummen, denn hey, wer kennt schon Manchester in England. Wer also über Life on Mars stolpert, sollte sich die originale Produktion des britischen Rundfunkanstalt BBC ansehen.

MeinFernbus – Update einer Erfahrung

Vor gut zwei Jahren fuhr ich das erste Mal mit MeinFernbus. Viel hat sich seitdem getan – auch auf dem Fernbusmarkt.

Damals schossen sie wie Pilze aus dem Boden. Die ersten meldeten bereits den Rückzug an. Trotzdem sieht man immer mal noch neue Anbieter, aber auch ohne Zahlen als Fakten zu recherchieren, ist MeinFernbus der wohl am häufigsten genutzte Fernbus Deutschlands. Durch den Zusammenschluss mit FlixBus und kontinuierlichem Streckenausbau sind mittlerweile über 80 Linien und gut 200 Haltstellen zu verbuchen. Selbst europäische Städte wie Amsterdam, Brüssel, Paris oder gar Zagreb und Budapest sind heute über mein Fernbus zu erreichen. Das Prinzip Fernbus scheint somit zu funktionieren.

Dank des Bahnstreiks benötigte ich am vergangenen Wochenende auch mal wieder den Fernbus als Alternative zur Bahn, da ich auch nicht auf unseren PKW zurückgreifen konnte. Lust auf Bus habe ich persönlich generell nie. Wenn man selbst fährt, hat man was zu tun. Oder kann zumindest als Beifahrer irgendwie die Zeit verfliegen lassen. Im Bus langweile ich mich stets zu Tode, auch wenn ich die Zeit für eigentlich gern gepflegte Hobbys nutzen kann. Wahrscheinlich liegrt es auch daran, dass die hessische Autobahn freitags immer zum Kotzen ist – aber mit einem PKW kommt man dann irgendwie doch schneller voran – und ist auch nicht an die gesetzliche Pause für den Fahrer gebunden. Jammern nützte  nix, ich wollte zu einem mir sehr wichtigen Termin nicht fehlen. Da führte an das verlässliche Fahren von MeinFernbus nichts vorbei.

Prinzipiell hat sich bei MeinFernbus auch nichts verändert. Während ich mich erinnere, dass die allererste Tour von Frankfurt nach Leipzig ohne Pause ging, findet heute auf der Strecke immer eine Pause statt. Der Busfahrer muss nun einmal nach gesetzlichen Regelungen genau diese Pausen einlegen. Auch wenn mich die 30-45 Min Zwangspause wirklich nervten, so ist es doch wichtig und auch gut, immerhin hängt auch von der Konzentration und Leistungsfähigkeit des Fahrers die gute und vor allem sichere Fahrt ab – und ich lebe dann doch lieber.

Die Busse sind modern und sauber. Eine Sitzplatzwahl erfolgt nach dem Modus „wer zuerst kommt, wählt zuerst“, also ganz wie in alten Klassenfahrttagen. Das WLAN ist noch immer unterirdisch schlecht, aber die Steckdosen liefern zumindest Strom für Tablets & Co. Wer dringend eine Steckdose braucht, sollte im Bus an den Fensterscheiben nach den Hinweisstickern suchen. Die Steckdosen befinden sich in den Sitzreihen unter den Sitzen zwischen den zwei Plätzen. Am Snackangebot (Getränke, Knabberzeug) änderte sich nichts. Doch auch heute noch halte ich nix davon, den Fahrer mit meinem 50er abzulenken, weil ich Bock auf Gummibären für einen Euro habe.

Generell bin ich mit meiner Notlösung wirklich zufrieden gewesen, auch wenn es nie etwas aus den angekündigten fünf Stunden Fahrtdauer wurde. Für Staus, Stockungen und Sperrungen kann der Fahrer nichts. Der Preis ist bis heute unschlagbar – auch für Leute, die kurzfristig reisen wollen. Wo ich bei MeinFernbus aber wirklich Handlungsbedarf sehe, ist die Situation an den Abfahrpunkten. Freitag gegen 15 Uhr fahren in Frankfurt zahlreiche Busse ab. Die Platzkapazitäten reichen einfach nicht mehr aus, um die Busse systematisch bzw. übersichtlich zu platzieren. Der ungeübte Fernbusgast gerät hier sicher leicht in Panik. Das Personal vor Ort wirkte auch einfach nur genervt von allem und jedem. Anfragen von eben diesen ungeübten Fahrgästen wurden auch mal barsch abgewürgt mit „ja, der kommt doch noch, meine Güte, der fährt eh erst in 5 Minuten ab – laut Plan.“ Das wirft dann doch ein schlechtes Bild auf die anstehende Reise und hat auch sicher schon so manche Beschwerde nach sich gezogen. Klar, hört der Mitarbeiter diese Frage am Tag hundertmal, mal mehr und mal weniger freundlich. Aber die Abfahrtsituation ist bei den Stoßzeiten einfach unübersichtlich und ich kann die Angst verstehen, dass der Bus ggf. auch ohne gebuchte Fahrgäste seine Tour starten könnte. Ich ging Seig C auch drei Mal ab, um sicher zu gehen, dass da noch nicht mein Bus steht.

Vielleicht können die Städte hier gemeinsam mit MeinFernbus eine vernünftige Lösung in den kommenden Jahren finden, um hier für alle Beteiligten zufrieden zu stellen. Mal sehen.

Für mich war dies wahrscheinlich vorerst das letzte Mal, dass ich von Frankfurt nach Leipzig und zurück tourte. Wer weiß, welche Strecken die Zukunft bringt.

True Detective

„When you can’t remember your lives, you can’t change your lives, and that is the terrible and the secret fate of all life. You’re trapped, by that nightmare you keep waking up into.“ Rust Cohle

Rust Cohle (Matthew McConaughey) lernen wir als einen fertigen Mann kennen. Langes, strähniges Haar. Die Kippe brennt dauerhaft und das Bier kommt direkt aus der Büchse. Dass dieser Mann ein ehemaliger Mordermittler sein soll, ist schwer zu glauben. Er sieht eher aus wie ein wirklich abgefuckter Typ, der nur noch darauf wartet, dass der Tod anklopft.

Der andere Mann, den man zu Beginn kennenlernt ist ein gepflegter Mann mittleren Alters im Anzug. Martin Hart (Woody Harrelson). Ex-Partner von Rust Cohle. Geschieden. Zwei Kinder. Nun Privatdetektiv.

Die Verbindung der beiden ist jedoch ein Ritualmord an einer Ex-Prostituierten, an dem beide 1995 arbeiteten. Nun, 17 Jahre später, werden beide getrennt voneinander zu den Ermittlungen befragt, weil der Täter scheinbar wieder zuschlug, aufgrund eines Unwetters jedoch alle Dokumente zum Fall unbrauchbar sind. Auch nach all der Zeit könnte die Sicht der Dinge nicht unterschiedlicher als die beiden selbst sein und irgendwie wirkt die gesamte Situation nicht ganz plausibel…

HBO produzierte mit True Detectives eine weitere Serie, die süchtig nach mehr macht. Die Dialoge sind keine oberflächlichen Cop-Floskeln, sondern haben Tiefe, sind anschaulich und sind wahrscheinlich eines der wichtigsten Elemente, warum man bei der ganzen Serie stets ein bedrückendes Gefühl hat. Untypisch für aktuelle Serien ist zudem, dass in der ersten Staffel die Handlung vollkommen abgeschlossen ist, nachdem der Spannungsbogen wirklich bis zum Ende ausgereizt wurde. In diesem Fall war es einfach eine gelungene Symbiose aus tollen Schauspielern und der Tatsache, dass die gesamte Staffel von nur einem Drehbuchautoren und einem Regisseur gedreht wurde. Gerne mehr davon, denn hier wirkte von Folge 1 bis 8 alles stimmig.

In diesem Jahr soll nun auch noch die zweite Staffel starten. Ich bin bereits ziemlich gespannt, ob HBO hier einen zweiten Hit landen kann oder es eher etwas Aufgewärmtes wird. Abwarten.

„Sie haben den Bogen einfach nicht raus“ oder auch: Franzi beim Augenbrauenkorrigieren

Über jedem Auge sitzt ein haariger Streifen, der mal mehr, mal weniger die direkte Verbindung zur Nachbarin sucht. Nun bin ich zum Glück nicht mit einer Monobraue gestraft, aber ich setzte mich ehrlich gesagt nie großartig mit den Dingern auseinander. Klar, hier und da werden unnötige Härchen gezupft, aber ich hasse das sehr und groß Gedanken über Form und Farbe hab ich mir nie gemacht. Sie sind halt da, unterstützen meine Mimik und schützen die Augen. Kurz: Sie machen ihren Job.

Das reichte mir an Aufmerksamkeit für Gesichtsbehaarung auch vollends aus, bis, ja bis ich zum Probestyling für die Hochzeit ging. Ich bekam jetzt keine Standpauke à la „OMG, wie rennst du denn rum, da MUSS was gemacht werden!!!!111“, aber mir wurde trotzdem ans Herz gelegt, mir in Frankfurt bis zur Hochzeit vielleicht ein freundliches Kosmetikstudio zu suchen, das sicher der Sache annimmt. Immerhin seien die Augenbrauen der Frauen hier immer wunderbar in Form. Tja nun. Den Wink mit dem Zaunpfahl habe ich verstanden.

Ich haderte mit mir. Wirklich. Einerseits will auch ich am Tag meiner Hochzeit einfach phantastisch aussehen. Fakt. Da nehme ich auch die Tipps und Tricks der Schönheitsprofis gerne an. Andererseits will ich aber auch immer noch ich selbst sein und auch so aussehen. Schließlich möchte ich ein Strahlen in seinen Augen sehen, wenn mich mein Papa zu ihm führt und kein Entsetzen aufblitzen sehen.

Also sprang ich über meinen Schatten und vereinbarte einen Termin in einem Friseur- und Kosmetikstudio, das im Netz gute Bewertungen hatte und für mich ideal zu erreichen ist.

Samstagmorgen war es soweit. Ich traf in einem stylisch eingerichteten Salon ein und wurde direkt freundlich und sehr serviceorientiert empfangen. Jacke abgenommen, persönlich zum Wartebereich geführt und später platziert worden. Nach einem kurzen Gespräch inklusive Erklärung, warum ich überhaupt komme, war zumindest mein mulmiges Schamgefühl weg. Das habe ich in Gegenwart von professionell geschminkten und gestylten Menschen immer, weil ich beim Thema Make-up einfach nur faul und oft auch desinteressiert bin. So nahm ich Platz und ließ die Dame anfangen.

Oh, ich hasse Augenbrauenzupfen. Mir schießen sofort die Tränen ins Auge und ich hab dann echt keine Lust mehr. Gefühlt rupfte sie mir auch alle Härchen komplett raus und beschnitt irgendwas. Ich sah schon vor mir, wie ich die kommenden Wochen mit so Brauenstiften mir peinliche Fake-Brauen aufmalte.

Nachdem sie fertig war, schaute ich mir das Ergebnis im Spiegel an. Ehrlich gesagt war ich enttäuscht im ersten Moment. Ich hatte noch immer Augenbrauen, was mich beruhigte, aber ich sah keinen Unterschied, bis auf den Brauenanfang, den sie stutzte. Während ich mir die Augen trocknete, verschwand sie kurz und kam mit einem Brauenstift wieder. Hier fiel dann das Zitat des Tages: „Ich male kurz die Form der Brauen nach. Sie haben einfach den Bogen nicht raus.“ Was sie meinte, verstand ich auf Anhieb. Die ideale Augenbraue läuft zu ca. 2/3 nach oben und dann ab nach unten. Meine machen dies zwar auch, aber in so einem flachen Anstieg, dass man es leider für nichts gebrauchen kann. Tja gut. Wäre ich mit Theo Weigels Haarbüscheln gesegnet, könnte man hier was zurecht zupfen. An dieser Stelle bin ich halt raus. Der Kampfgeist der Kosmetikerin ist aber trotzdem irgendwie geweckt, da sie meinte, dass man es bis Juli vielleicht zum bestmöglichen Ergebnis zupfen kann. Wir werden sehen.

Bis zur Hochzeit werde ich somit noch zweimal die Pinzette vom Profi fliegen lassen, danach ist es ja eh Gesetz, dass man sich gehen lässt 😉

Ich besuchte übrigens den Salon Schloberg in Frankfurt/Sachsenhausen. Ideal für mich gelegen, weil er in der Nähe der U-Bahn sowie meiner Haus-und-Hof-Straßenbahnlinie liegt. Wie oben beschrieben, wurde ich freundlich empfangen, gut beraten. Absoluter Pluspunkt war die Zurückhaltung beim Aufquatschen von Zusatzleistungen. Beim Friseur ist mir dies immer unangenehm, wenn noch Shampoos und Kuren verkauft werden sollen. Daher hier klare Empfehlung!

Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibt

Mit autobiografischen Romanen hab ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt. Beim Stöbern für neuen Lesestoff stieß ich auf „Was vom Menschen übrig bleibt“. Rachel Moran wurde vorgestellt als Ex-Prostituierte, die heute als Journalistin arbeitet und sich stark für den Kampf gegen die Ausbeutung und Legalisierung von Prostituierten einsetzt. Der Hintergrund ihrer Aktivität: Als Jugendliche landete sie selbst auf dem Straßenstrich von Dublin. Mit 22 Jahren, nachdem so so ziemlich jeden Bereich der Prostitution erlebt hat, wagte sie den schwierigen Ausstieg und erkämpfte sich ihre Position in der Gesellschaft.

Wer sich in diesem Werk eine Aneinanderreihung von Geschichten über Freier erhofft, sollte die Finger davon lassen. Selbstverständlich erzählt Moran über diverse Episoden ihres Tuns und das ihrer „Schwestern“. Aber sie werden nicht detailliert mit adjektiven erzählerisch aufgewertet. Sie dienen dem Leser eher als Beispiel für die Argumentation, die Moran gerade anführt. Es ist auch keine rührselige Vorlage für einen tollen Hollywoodstreifen, in der das schwierige Thema der Prostitution romantisch verklärt mit Happy End präsentiert ist. Sie arbeitet thematisch einzelne Aspekte der Prostitution ab und flechtet hier ihre eigenen Erfahrungen und Meinungen ein. Sie argumentiert wohl reflektiert – was aber nicht verwunderlich ist, weil die Entstehungszeit des Buches gut zehn Jahre umfasst.

Rachel Moran gelang es sehr gut, ihre Vergangenheit zu beleuchten ohne sich selbst in eine zu bemitleidende Opferrolle zu stoßen. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, ihre Eltern hatten beide starke, psychische Erkrankungen und das soziale Umfeld wurde von der Mutter bewusst klein gehalten. Als sich der Staat dann einmischte und Rachel in staatliche Obhut kam, besserte sich die Situation auch nicht, denn auch irische Heime bieten keine Nestwärme. Es folgte das Kennenlernen der falschen Männer und so betrat Rachel mit 15 Jahren das erste Mal den Straßenstrich. Für viele ist es vielleicht schwer zu verstehen, aber sie gibt niemandem die Hauptschuld. Nicht ihren Eltern, nicht ihrem damaligen Freund, nicht sich selbst. Es war, wie bei vielen, die Verkettung der Umstände und der beständige Überlebenskampf. Womit soll man als Jugendliche auch Geld verdienen, wenn die staatliche Obhut die Fürsorge nicht übernehmen kann und man keine Ausbildung hat? Ich glaube, dass Moran trotz ihrer Erfahrungen und zugegebener Defizite eine Frau mit einem wahnsinnig starken Charakter hat. Ansonsten wäre sie früher oder später in das Loch des Selbstmitleids und der Selbstaufgabe gefallen, wie es bei vielen anderen leider der Fall ist, die keinen Ausweg sehen.

Für mich selbst nahm ich einiges aus dem Buch mit, was seltsam klingen mag. Zum einen ist es tiefe Dankbarkeit, niemals in die Prostitution abgerutscht zu sein und in einem Elternhaus mit zwei mental gesunden Elternteilen aufzuwachsen, die bis zum heutigen Tag für mich da sind. Sowohl als Heranwachsende als auch als Studentin traf ich zum Glück auch nicht die Sorte falscher Mann, die mich zur Prostitution drängen wollten bzw. die mich generell zu etwas zwingen wollte, was nicht mir und meinen Wünschen entsprach. Dies ist nicht selbstverständlich.

Außerdem regte mich Morans Meinung hinsichtlich des Thema Missbrauchs wirklich zum intensiveren Nachdenken an. Als Außenstehende der Prostitution machte ich mir hier nie wirklich Gedanken. Ja, es gibt Bordelle und den Straßenstrich sowie Escort-Service. Ich kenne auch Kerle, die schon eines der Laufhäuser Hamburgs besuchten, um „nur mal zu gucken“. Natürlich weiß man, dass da keine Frau gerne arbeitet, weil sie es liebt, Sex mit Fremden gegen Bezahlung zu haben. Und genau hier setzt Moran ihre Kritik an. Für sie ist es in keiner Weise nachvollziehbar, wie Menschen von anderen dafür bezahlt werden, um sexuelle Phantasien auszuleben. Auch wenn hier Geld bezahlt wird, beruht die gewünschte Leistungserbringung nie in 100%-igen Einvernehmen. Im Gegenteil. Häufig sei es sogar so, dass die Männer, die für die sexuelle Dienstleistung bezahlen, die von der oder dem Prostituierten gesetzten Grenzen nicht akzeptieren und hier viele Tätigkeiten von Nötigung bis hin zum „tatsächlichen“ Missbrauch realer Alltag ist. Wer hier argumentiert mit „Aber man weiß doch, worauf man sich in der Prostitution einlässt“ hat das Grundproblem nicht verstanden. Es ist immer ein Zwang, der bei der Prostitution vorhanden ist. Immer. Die Gründe sind vielfältig, haben aber meist Geldnot, Zwang durch Dritte (Zuhälter) und/oder Traumata (bsp. frühkindlicher Missbrauch, zerrütete Familienverhältnisse etc.) in der Vergangenheit zur Basis. Von purer Freiwilligkeit, dass einem ungefragt Gegenstände, Finger und sogar Fäuste in Körperöffnungen gestoßen werden, kann hier nicht gesprochen werden. Es passiert aber, es ist Alltag.

Ich weiß, dass es zahlreiche Sexualitäten, Vorlieben und Fetische gibt. Wenn man dies mit anderen erwachsenen Menschen in gegenseitigem Einvernehmen auslebt, ist dies (für mich) vollkommen in Ordnung. Es kann aber nicht in Ordnung sein, dass man diese Handlungen – auch nicht gegen Bezahlung – an Menschen ausübt, die in ihrem Inneren dies gar nicht möchten. Leider ist es aber schwierig, dieses Denken in der Gesellschaft zu etablieren, da Prostituierte in der Hackordnung derart tief stehen, dass sich die Mehrheit nicht zuständig fühlt.

Wie in so vielen Bereichen gehört hier weltweit in den Gesellschaften umgedacht. Ich bezweifle jedoch, dass dies passiert. Dazu ist der Erotikbereich eine zu große und gewinnbringende Marktlandschaft.

 

The Rocky Horror Show in Frankfurt

Man wird nass, findet abends beim Ausziehen noch immer Konfetti in den Klamotten, hat von den Ratschen das nervtötende Geräusch im Ohr und konnte mit viel Glück einer fliegenden Klopapierrolle von hinten ausweichen.

In der Musicalaufführung der Rocky Horror Show zu sitzen, ist etwas ganz anderes, als sich eine Oper oder ein Theaterstück anzusehen. Ganz. Anders.Und trotzdem „bloody brilliant“.

Kurz zur Handlung:

Erster Akt. Wir lernen Brad Majors und Janet Weiss kennen. Junge, offenbar schüchterne Menschen. Unschuldig und rein. So süß wie die Kirsche auf einem Vanille-Shake in einer amerikanischen Milchbar. Brad schmettert herzerweichend Dammit Janet, seine Liebeserklärung und das Publikum wird Zeuge der Verlobung. Hach…

Doch dann haben die zwei Turteltauben eine Reifenpanne und landen mittem in einer der schlimmsten Regengüsse direkt im Nirgendwo. Es scheint auswegslos zu sein, doch Brad und Janet entdecken ein Schloss. Die erhoffte Rettung ist zum Greifen nach, denn sie dürfen das Schloss betreten, um das Telefon nutzen zu dürfen.

Leider erhält weder Brad noch Janet die Chance, den Hörer in die Hand zu nehmen, um Hilfe zu rufen. In dieser regenreichen Nacht werden sie nämlich Zeuge unfassbaren Ereignissen, die ihre Grundfeste der sittsamen Moral erschüttern werden.

Dies ist nicht nur irgendein Schloss, nein. Hier lebt der verrückte Wissenschaftler Dr. Frank N. Furter.  Er stammt von dem Planeten Transsexual aus der weit entfernten Galaxie Transylvania. In dieser Nacht stellt er seinen Schlossbewohnern seine neueste Schöpfung vor: Rocky. Er ist ein gutgebauter, blonder junger Mann und seine Existenz dient nur einem Zweck, nämlich dem Vergnügen von Dr. Frank N. Furter in all seinen Facetten. Doch damit nicht genug. Auch das junge Liebespaar erfährt die Täuschungs- und Verführungskünste des Wissenschaftlers am eigenen Leib.

Auf diesem Höhepunkt seiner Wolllust und Macht tötet der Wissenschaftler sogar seinen ehemaligen Geliebten, woraufhin eine wahre Revolte unter seinen mitgereisten Anhängern entfacht wird. Dr. Frank N. Furter wird entmachtet und getötet. Die Aliens kehren zu ihrem Heimatplaneten Transsexual zurück. Brad und Janet kommen mit dem wohl größten Schrecken ihres Lebens davon.


 

Nach We Will Rock You im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten war dies das zweite Musical, dass wir in der Alten Oper zu Frankfurt sahen. Dass diese Aufführung komplett anders würde, wahr uns spätestens dann klar, als drei Männer in Corsage, Slip und Strumpfhalter inkl. Netzstrümpfen an uns vorbei wippten.

Die Fangemeinde des Stücks scheint auch wegen des Kinofilms gewaltig zu sein, was ich ehrlich gesagt nicht erwartet habe. In meiner anerzogenen kulturellen Spießigkeit geht man eben ordentlich angezogen in die Oper, daher Hut ab vor allen Personen im Publikum, die es vergangenen Freitag durchgezogen haben!

Und ja, es war auch verdammt merkwürdig, dass Janet stets mit „Slut“ bzw. „Schlampe“ Rufen kommentiert wurde. Brad war in dem Fall ein „asshole“, also ein „Arschloch“. Auch der Erzähler, in unserem Fall Martin Semmelrogge persönlich, kämpfte mit Humor gegen hartnäckige „boring“-Rufe. Man scheint dies gewohnt zu sein.

Letztendlich war es diesmal nicht nur ein unterhaltsamer Abend in der Oper, sondern auch hinsichtlich der Tontechnik wirklich ein Genuss. Wer verrückte Storys mag, wird The Rocky Horror Show lieben.

Vorbereitung ist alles

Wie ich eingangs mal erwähnte, ich ahnte nicht wirklich etwas im vergangenen Frühjahr, dass der Herr Hochzeitspläne schmiedet.

Offensichtlich untypischerweise hatte ich auch keine klaren Vorstellungen, wie meine Traumhochzeit auszusehen hat. Bis zu dem Zeitpunkt besuchte ich nur die meines Bruders. Hatte damit zwar standesamtlich und später kirchlich durch, aber es weckte keine Träumerin in mir.

Dies änderte sich natürlich mit der Frage aller Fragen. Wir saßen beide zusammen und sponnen, wie unser Tag wohl aussehen könnte. Das war ganz schön, aber so festgesetzte Wünsche entstanden da auch nicht. Meine eine Kollegin war mir damals geistig weit voraus. Sie wusste genau, was sie will und was nicht. Das bewunderte ich. Wirklich.

Ich gönnte mir dann einfach einen ordentlichen Schwung Hochzeitsmagazine vom Kiosk – regelmäßig. Seichte Abendunterhaltung war gesichert.

Sich solche Magazine irgendwie zu besorgen kann ich nur jedem empfehlen, der nicht schon vier Hochzeiten mitorganisiert hat oder zahlreiche Feiern besuchte und somit weiß, was gefällt und was nicht. Man kann als Neuling im Thema einfach wahnsinnig viel übersehen und vergessen. Außerdem gibt es oft gute Tipps für das Zeitmanagement – wenn man nicht wie ich beruflich durch Eventplanung schon geschädigt ist. Wer meint, er kann ohne Kompromisse und Rückschläge in drei Monaten seine Traumhochzeit in der beliebtesten Location seines Wunschortes planen, ist ein bisschen naiv, denn auch hier kann Geld nicht alles regeln.

Für das Kennenlernen der Brautkleidhersteller ist es das Beste, was es gibt. Dank des Internets kann man sich oft die gesamte Palette der Designer ansehen und auch schauen, in welchen Läden man die Marke finden kann. So bastelte ich mir auch meine Vorstellungen für den Besuch beim Brautmodengeschäft zusammen. Dass mir davon gar nix stand, ist ein anderes Thema…

Auch Dekotipps hab ich gut aus den Zeitungen ziehen können bzw. erkennen können, was so gar nicht mein Fall ist. Viele meinen Ja, eine schicke Location ist alles. Das stimmt, aber kleine Details machen nicht nur die eigene Hochzeit individueller, sondern zeigen auch den Gästen, dass sich das Brautpaar Gedanken gemacht hat, eine bestimmte Stimmung zu schaffen. Ich persönlich mochte es als Gast immer, wenn sich in der ganzen Gestaltung der Hochzeit das Paar darin spiegelte. Es ist nicht immer möglich, aber die Hochzeitsreportagen und Tipps in den Magazinen können gute Starthilfe geben.

Für mich als Beauty- und Make-up-Laie waren auch die Tipps rund um Styling am Hochzeitstag bis jetzt recht praktisch. Klar, ich mache auch nicht alles Vorschläge – weil ich einfach keine Lust bzw. Bedarf habe. Meine Füße sind beispielsweise recht ordentlich gepflegt. Ich muss nicht sechs Monate vorher regelmäßig zur Fußpflege, um in meinen Schuhen einen strahlenden Auftritt hinzulegen. Meine Haut benötigt auch keine Behandlungen mit Peelingmasken und weiß der Teufel was. Aber das ist ja das Gute: Alles kann, nichts muss.

Was außerdem perfekt in einigen Magazinen gelöst ist, ist der Dienstleisterteil. Am Ende des Heftes wartet quasi eine Sonderform des Telefonbuches auf die Paare. Sortiert nach PLZ-Bereichen oder Dienstleistungssparten können hier Profis für die eigene Hochzeit kontaktiert werden. Vom Fotograf über Catering bis hin zum Zauberer oder einer Kinderbetreuung. Wer nicht lange recherchieren will und auch keine Geheimtipps von Freunden und Familie erhält, hat hier gute Chancen, erfolgreich fündig zu werden.

Mein Alltime-Favourite bei den Magazinen ist aber das offenbar noch recht junge marryMAG. Hier gibt es nicht nur die neuesten Trends zu bestaunen, sondern wunderbare Reportagen zu Brautpaaren, sondern auch herrliche DIY-Vorschläge. Beim marryMAG kann ich wirklich reinen Gewissens sagen, ich las alles. Bei anderen wäre das gelogen 😉

Mit der Zeit wuchs nun zu Hause ein ordentlicher Stapel an Magazinen und Zeitschriften. Leider heiratet in meinen Umfeld aktuell nur noch einer – zwei Wochen nach uns. Hier brauche ich der Braut keine Magazine mehr andrehen. Die sind bei der Planung wie wir fast fertig. Wer hier aber Interesse hat und sie sich irgendwie in Frankfurt abholen möchte oder ich sie bei einem Heimatbesuch in Halle, Dessau oder Leipzig irgendwie abgeben kann, ich mache dies gerne. Für den Papiermüll wären sie einfach zu schade. Also: Verlobt euch und nehmt mir das Papier ab!

Das Ende von Eddy – Buchkritik

Frankreich. Die Picardie. Wir sind in einem kleinen Dorf. Eddy wächst mit einigen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater trinkt zu viel, die Mutter schimpft zu viel und eigentlich ist sein Leben seit Generationen vorherbestimmt: geboren werden, zur Schule gehen, Schule verlassen, in der Fabrik arbeiten und ein richtiger Kerl sein, der sich prügelt und säuft.

Aber Eddy ist als Kind schon kein richtiger Junge. Statt auf dem Dorfplatz zu bolzen, würde er lieber tanzen lernen. Er liebt es, seine Schulfreundin zu schminken oder die Kleidung seiner Schwester anzuprobieren. Auch die anderen im Dorf bemerken, dass Eddy zu viel mit den Händen beim Sprechen gestikuliert und auch so oft irgendwie zu zart für einen echten Kerl aus der Normandie ist.

Er gibt sich Mühe, will angepasst sein. Eddy nervt es auch selbst, dass er in der Schule das Opfer ist, dass er in manchen Situationen lieber heulen würde anstatt vor Wut einfach zurückzuschlagen. Aber er grinst möglichen Ärger weg, immer in der Hoffnung, dass die wachsende Agression ihm gegenüber nicht eskaliert. Die Mutter, selbst mit der Gesamtsituation überfordert, erkennt es einfach nicht, wenn ihr Sohn gestresst vor ängstlicher Anspannung aus der Schule kommt. Der Vater, ein echter Kerl, weil er säuft und sich prügelt, ist auch nicht an Eddys Gedanken und Ängste interessiert. Hauptsache er verkneift sich seine Tussiattitüden und dann wird er schon noch ein Mann, wie es alle Männer im Dorf worden. Immerhin beleidigt man auch ihn als Vater, wenn Eddy als Tunte oder Tusse beschimpft wird und das kann er nicht auf sich sitzen lassen.

Somit wächst Eddy mit der Einstellung heran, dass Schwule abartig sind. Ein echter Kerl fickt (Frauen) und wird nicht gefickt. Fertig. Wenn er lieber tanzt und Mädchensachen trägt, ist er ein Freak, ein kranker Spinner. Das ist ekelhaft. Daher warnt er auch seinen kleinen Bruder, dass er sich bloß in Mädchen zu verlieben habe. Schwule sind abartig. Punkt.

Nun kommt es jedoch im Holzschuppen, in dem er sich mit seinem älteren Cousin und ein paar anderen Jungs regelmäßig zum Zeitvertreib nach der Schule trifft, zu einer Situation, bei der die Mutter sie entdeckt und schockiert ist. Am Ende ist es Eddy, der mehr als nur bespuckt wird, weil die drei anderen Beteiligten ihn als Sündenbock benutzen. Eddy, die Tunte, schlug das Spiel vor. Eddy, die Schwuchtel, wollte es so. Eddy, die Tussi, ist der Abartige. Leider erkennen die Bewohner des Dorfes in ihrer Beschränktheit nicht, dass es vier Beteiligte gab und nicht nur Eddy.

Eddy sieht seine Chance auf Leben in Frieden nur, wenn er sich zusammenreißt. Er kann ein Kerl sein. Mit einer Freundin. Das wird schon. Er zwingt sich, sich selbst zu beweisen, dass er wirklich mit Haut und Haaren ganz normal ist und Frauen begehren kann…

Das alles klingt nach der unaufgeklärten Schwulenhetze vergangener Zeiten. Édouard Louis, dessen eigentlicher Name Eddy Bellegeule* ist und der in Das Ende von Eddy seine Kindheit ansatzweise verarbeitet, wurde erst 1992 geboren. Er erlebte die Schmähungen, das Mobbing, die Beleidigungen und die Gewalt am eigenen Leibe. Sein endgültiges Entkommen war die Flucht nach Amien und zuletzt Paris, wo er nun Student der Soziologie ist.

Ich stieß in der Literaturecke des Spiegels online auf diesen Roman. Das Thema fand ich ganz interessant und erste Kritiken schwärmten vor allem von der gewaltigen Sprache des Autors. An dieser Stelle bin ich etwas ratlos, weil mir meine Fassung als deutsche Übersetzung vorliegt. Entweder bin ich vollkommen abgestumpft, oder die Übersetzung litt einfach – was Übersetzungen so an sich haben. Meine Französischkenntnisse reichen leider nicht aus, um mir das Original zu Gemüte zu führen und hier vielleicht den auffallenden Sprachgebrauch des Autors zu bemerken. In der deutschen Fassung empfinde ich die Sprache nicht wirklich aggressiv oder gewaltig. Im Gegenteil. Es ist eher sehr einfach gehalten, beinahe primitiv, wodurch die Einfachheit der Dorfbewohner gut unterstrichen wird. Von Sprachgewalt würde ich da nicht sprechen, eher von der Wahl des passenden Sprachstils.

Wenn ich von Einfachheit spreche, meine ich dies auch nicht abwertend. Es wird aber nicht nur durch den Umgang, sondern auch durch die geschilderten Weltanschauungen der Bewohner klar, dass hier komplett andere Werte wichtig sind und der Bildungsstand niedriger ist. Die Frauen sind beispielsweise dafür verantwortlich, wenn die Männer Mist bauen. Sie könnten ja liebevoller sein. Wären die Männer nicht so triebgesteuert und würden die Mädels schwängern, könnten die ja die Schule beenden und was anständiges Lernen. Eier haben ist auch ganz wichtig, um sich zu behaupten. Das zählt für Männer und für Frauen.

Eddy passt mit seiner Art nicht in dieses klassische Gefüge und das merken auch seine Eltern. Die Mutter ahnt sicherlich durch das weiche Verhalten ihres Eddys, dass dieser kein Schlägertyp wird. Der Vater lehnt auch alles kategorisch ab, was nicht seinem einfachen Weltbild passt: Schule und Bildung braucht keiner, Ärzte wollen nur Geld und jeder Angestellte, der mehr Gehalt hat und eine Ausbildung genoss, ist ein arrogantes Arschloch. Der einfache, kleine Mann muss einfach selbst gucken, wie er mit dem Arsch an die Wand kommt. Für Eddy ist es daher schwierig, fernab dieser engen Weltsicht des Dorfes in der Stadt zurechtzukommen, zumal er in der Schule recht passable Noten bekommt und er wirklich etwas aus seinem Leben machen könnte. Er spürt, dass er anders ist, dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann, aber er kennt auch keine Alternativen.

Das Ende von Eddy beweist an einem recht aktuellen Beispiel, wie wichtig Aufklärung und Erfahrung für das Erschaffen von Weltbildern und Meinungen ist. Eindrücke prägen und je vielfältiger diese sind, desto geringer ist doch auch die Angst vor Unbekanntem und Neuem. Anderssein ist nichts, was es zu verurteilen gilt, sondern kann eine wahre Bereicherung sein.

Das Buch las sich recht zügig weg, was auch durch den einfachen Schreibtil begünstigt wurde. Wenn Eddy in der Schule gemobbt wurde, körperlich angegriffen und dadurch auch sein Nervenkostüm stark strapaziert war, fühlte ich mit, weil es trotz der Einfachheit doch anschaulich beschrieben ist. So war auch mein Ekel vor den Sachen, die ihm andere Schüler antaten, recht groß. Das ständige Ankämpfen an das Anderssein, dass von ihm innen heraus kommt, war nicht nur zu lesen, sondern zu spüren. Ich sah in den Kopf des heranwachsenden Eddys, verstand seine Erklärungen, warum er dann einfach die Hände den den Taschen ließ, wenn er sprach oder seine Stimme verstellte. Er erschuf einen zweiten Eddy, einen angepassteren – damit endlich die Hetze im Dorf aufhört und auch hier verstand ich als Leser, warum er nicht ankämpfte oder gar abhaute. Bevor Eddy die Schule und somit auch seinen Lebensraum wechselte, gab es für ihn in seiner beschränkten Weltsicht einfach keine andere Lösung als angepasst auf das Beste hoffen.

Daher Hut ab vor jedem, der den Schritt des Outings geht und sich dadurch an einen Pranger stellt, den es nicht geben müsste, denn die Schikanen für Homosexuelle in unserem Zeitalter sind wirklich ein wahres Armutszeugnis für die ach so aufgeklärte Menschheit.

*Bellegeule heißt übersetzt in etwa Schönmaul (belle = schön, geule = Maul, Fresse)

Der Schatten des Windes oder wie ich seit langem mal wieder nicht mit einem Buch fertig werden wollte

Der Schatten des Windes. Carlos Ruiz Zafón. Gekauft habe ich es eher zufällig, weil es mir im Buchhandel bei der Neuversorgung in die Hände fiel. Der Name weckte bei mir irgendwie eine Erinnerung, dass ich da mal was lesen wollte. Das war aber eigentlich Marina. Der Inhalt auf der Rückseite las sich jedoch auch ganz gut, also nahm ich es neben Gone Girl und unserem ersten New York Reiseführer einfach mit.

Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seelen derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben.

Und genau wegen solcher Buchzitate liebe ich manche Bücher mehr als andere und ich bereue den Kauf in keiner Weise. Im Gegenteil. Ich bin irgendwie traurig, dass es vorbei ist und kann nicht einmal die richtigen Worte finden, warum es so ist.

Aber zunächst zur Handlung…

1945. Barcelona. Der noch junge Daniel Sempere wird von seinem Vater, der eine Buchhandlung besitzt, an einen wahrlich mysteriösen Ort geführt: Der Friedhof der vergessenen Bücher. Daniel soll sich hier ein Buch auswählen, dass er von nun an vor dem entgültigen Vergessenwerden beschützen soll. Es ist Der Schatten des Windes eines Julián Carax. Er liest das Buch und möchte am Ende mehr über den Autor erfahren, doch hier startet ein Mysterium, das auch Daniels Leben zukünftig beeinflussen wird.

Die Jahre vergehen und Daniel setzt jedes einzelne Puzzlestein, das er über Julián Carax in Erfahrung bringen kann, mühsam zusammen und stößt dabei auch auf so manche Sackgasse. Ihm begegnen nicht nur geheimnissvolle Verfolger, sondern auch einige gefährliche Personen aus der Vergangenheit von Carax, die dieses Kapitel gerne vollständig löschen möchten. Am Ende offenbart sich ihm die Geschichte um den mysteriösen Autor und Daniel muss selbst aufpassen, dass sein Leben nicht noch mehr Gemeinsamkeiten mit Carax haben wird…

 

Was mich an diesem Buch so verzauberte war nicht die spannende Suche Daniels nach Carax, sondern die gesamte Komposition. Ich durfte Daniel beim Heranwachsen begleiten, mit ihm mitfühlen, als sein Herz das erste Mal gebrochen wurde. Auch seine sich entwickelnde Freundschaft zum ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Fermín, der sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt, ließ mich so manches Mal schmunzeln. Legendär der Besuch im Pflegeheim für Senioren und das Versprechen Daniels  an einen alten Mann. Aber auch Fermíns Weisheiten lassen ihn so wahnsinnig sympathisch erscheinen.

Wirklich die Frauen verstehen tut keiner, nicht einmal Freud, nicht einmal sie selber, aber das ist wie bei der Elektrizität, man braucht nicht zu wissen, wie sie funktioniert, um eine gewischt zu kriegen.

Wahrscheinlich ist Der Schatten des Windes wie viele andere Erfolgshits nicht jedermanns Sache. Ich las in anderen Kritiken häufig auch, die Handlung sei zu flach und vorhersehbar und erinnere an Groschenromane. Dazu kann ich nix sagen, weil ich solche Druckerzeugnisse nicht lese und mir der Vergleich fehlt. Zu flach fand ich die Handlung in keiner Weise. Voraussehbar möchte ich so auch nicht unterschreiben, aber vielleicht ist mein Weltbild noch zu positiv, anstatt überall Familienskandale zu wittern.

Zafón nahm mich jedenfalls mit diesem Werk auf eine angenehme Reise in ein Barcelona, in dem spannende Charaktere gefühlt nur darauf warteten, einem ihre Geschichte zu erzählen. Und genau so hat sich für mich dieses Buch zu einer wunderbaren Erzählung verwoben. Es wird von mir definitiv wieder gelesen werden.

Es sind bereits zwei Fortsetzungsromane erschienen. Hier hadere ich noch mit mir, ob ich sie lesen will und soll. Einerseits möchte ich den Zauber des Gelesenen nicht verlieren, aber die Neugier, ob es so vielleicht weitergehen könnte, ist auch recht groß. Wahrscheinlich werde ich Barcelona in 2-3 Büchern wieder besuchen.